Wildwest im Oberland

Mittlerweile ist sie die bekannteste Privatbahn Deutschlands. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwelche Horrormeldungen in den Zeitungen stehen und selbst in bundesweiten Fernsehsendungen war sie schon vertreten. Gemeint ist freilich die BOB.
     Zu Beginn der Pannenserie hatten die Fahrgäste noch mehr oder weniger Verständnis für die Macken von Tarifkonzepten, Fahrkartenautomaten, Fahrzeugen und Personal. Inzwischen ist bei den Leuten nur noch Hohn und Wut zu verzeichnen.
     Ein evangelisches Bildungsheim aus Schliersee hat im Internet eine „Klagemauer“ eingerichtet. Josefstal ist ein südlich des Bahnhofs Fischhausen-Neuhaus gelegener Ortsteil von Schliersee. Unter der angegebenen Seite kann man den Alltagsfrust der Fahrgäste studieren und selber seinen Senf dazugeben.
     Hier erfährt man beispielsweise, dass während der „Sitzung“ plötzlich die Integral-Klotüre aufspringt und dafür die Außentüren gar nicht erst schließen.
     Probleme machen aber nicht nur die viel gescholtenen Fahrzeuge. Man liest auch einiges über die Schikanen der DB AG über die „lästige Konkurrenz“ und über das unfähige BOB-Personal, das schon von aufgebrachten Fahrgästen verprügelt wurde.
     Die Schulen haben sich inzwischen darauf geeinigt, in den ersten zwei Stunden keine Schulaufgaben mehr zu schreiben.
     Um die Ausfälle der Integral-Züge auffangen zu können, wurden aus Dänemark einige Dieselloks mit unverkennbar amerikanischem Design herangeschafft. Aufgrund der rundlichen Bauform und der in manchen Einsatz-Ländern verwendeten gelben Farbgebung werden die Dinger kurzerhand „Kartoffelkäfer“ genannt. Mit einigen Wagen von Museumsbahnen sollten damit die Schülerzüge gefahren werden. Rechtzeitig zu Ferienbeginn (!) war dann auch alles fertig. Allerdings stellte jemand fest, dass die alten Wagen asbestverseucht sind. Jetzt dürfen sie nicht eingesetzt werden und wahrscheinlich darf sie die Museumsbahn auch nicht mehr verwenden. Das hat man davon, wenn man der BOB was leiht . . .

„Kartoffelkäfer“ in Holzkirchen
  
     Die Fahrzeuge der Tegernseebahn hat man freilich erst kurz vorher verkauft.
     Die DB wollte erst ihre Wagen auch nicht herausrücken. Die leiden selbst unter eklatantem Wagenmangel, weil es seit der Katastrophe von Eschede nicht mehr genügend Räder gibt. Und warum sollte die DB der Konkurrenz was geben? Oder hat jemand schon mal gesehen, dass ein McDonald's-Angestellter beim benachbarten BurgerKing neue Semmeln holt?
     Inzwischen wurden von der DB (wahrscheinlich auf Druck der Bayerischen Staatsregierung) ein paar frisch geputzte Silberlinge im Original-Design zur Verfügung gestellt.
     Schließlich legt auch der DB-Geschäftsbereich Netz der BOB etliche Steine in den Weg, bzw. zieht ihr unter den Zügen die Gleise raus. So wurden und werden in Holzkirchen, Schliersee, Fischhausen-Neuhaus, Bayrischzell, Schaftlach, Bad Tölz und Lenggries Ausweich- und Abstellgleise bis zum absoluten Minimum abgebaut. Dass darunter die ohnehin schon angeschlagene Zuverlässigkeit des Systems weiter leidet versteht sich von selbst.
     Nach Bayrischzell können nur noch Trieb- und Wendezüge fahren, weil das Umsetzgleis entfernt wurde. Deshalb braucht die BOB jetzt für die Schülerzüge jeweils zwei „Kartoffelkäfer“.
     Die Tegernseebahn AG, der der Abschnitt Schaftlach – Tegernsee gehört, ist auch nicht besser. In Tegernsee soll der alte Lokschuppen mit dem Wasserkran und die Werkstatt einem neuen Einkaufszentrum weichen. Und das ausgerechnet in Tegernsee, wo – seitdem die Kurgäste wegen der Gesundheitsreform ausbleiben – jetzt schon 40 Prozent der Läden leerstehen. Das wird dann wohl das Ende der Dampfzugfahrten bedeuten. Dann lohnt es sich noch weniger nach Tegernsee zu fahren und es werden noch mehr Läden leerstehen.
     Unterdessen erwägt das Bayerische Wirtschaftsministerium den Vertrag mit der DEG (Deutsche Eisenbahn Gesellschaft, das ist der Betreiber der BOB) wegen „Nichterfüllung“ vorzeitig zu kündigen. Gleichzeitig droht das Ministerium, wieder den alten Fahrplan einzuführen, was freilich die Fahrgäste am härtesten treffen würde. Betreiber wäre dann wieder die DB AG und die Integral-Fahrzeuge würden wohl als Konkursmasse verhökert werden. Braucht jemand eine High-Tech-Gartenlaube?