Arme Oberlandbahn

Das war es also nun; wer immer es schon von Anfang an gewusst (und nur vielleicht nicht laut gesagt) hat, durfte recht behalten.
     Nach einem Jahr ist die Bayerische Oberlandbahn am Ende. Die Mehrheit am Eigentum geht an die Deutsche Bahn AG; die Integral-Triebwagen werden bis auf weiteres aus dem Verkehr gezogen, bis sie gründlich überarbeitet worden sind und endlich als einsatztauglich gelten dürfen.
     Zähe Kämpfe hat es gefordert, um zu verhindern, dass einfach der alte Zustand wiederersteht. Der Rest der enttäuschten Anwohner, die noch immer mit dem Zug fahren wollen, verlangt weiterhin Stundentakt und Spätverkehr, nicht mehr einzelne Zufallszüge mit abgewirtschafteten Alt-Silberlingen. Zumindest den Gewinn gesteigerter Ansprüche hinterlässt das gescheiterte Experiment.
     So etwas muss dabei herauskommen, wenn politisch dickköpfig etwas ertrotzt werden soll, ohne dass Sachkenntnis dabei stören darf. Ums Verrecken, wie man jetzt sieht, buchstäblich, musste ein Unternehmen die Oberlandbahn betreiben, das nicht zur Deutschen Bahn gehörte. Und unter allen Umständen sollten Fahrzeuge laufen, die mit viel einheimischer Wertschöpfung gebaut wurden; den Talent hätte es einsatzreif gegeben, aber ihn hat schon die Deutsche Bahn, und er wird anderswo gebaut.
     Um ein neues Bahnsystem einzuführen, hätte es viel Vorbereitungszeit gebraucht: Entflechtung von Anlagen und Betrieb, Angleichung der Tarife, Regelung der ungeliebten Zusammenarbeit, Ausbildung qualifizierten Personals und mehr brauchen ihre Zeit.
     Und vor allem geht es nicht an, von heute auf morgen Bahnfahrzeuge vom Reißbrett auf die Schienen zu hetzen. An sich ist der Integral kein schlechtes Fahrzeug. Aber was heute auf den Oberländer Schienen läuft, ist erst der Prototyp, kein entwickeltes Baumuster. Der Hersteller musste zuviel versprechen, um den Auftrag zu bekommen. Mit Vernunft hätte man eine Fünfer-Garnitur (zum Flügeln plus Betriebsreserve) zwei bis drei Jahre lang im harten Betriebseinsatz gefahren, die Ergebnisse ausgewertet, die Fahrgäste gründlich befragt, nach den Erfahrungen umkonstruiert und dann endlich die Serie gebaut. Statt dessen hat man gleich die Urfassung vom Stapel gelassen und die Innovation verschleudert; das Herstellerwerk hat es als eigenständiges Unternehmen nicht überlebt.
     Vor allem aber ist der Rufschaden unabsehbar. Das Unternehmen „private Konkurrenz zur Bahn“ ist spektakulär gescheitert. Das hätte es nicht gebraucht, wenn nur einige besonnene Köpfe in den Behörden Vorstellungen erwachsener Menschen über die Gründung solcher Unternehmungen eingebracht hätten. Das Modell „Oberlandbahn“ hätte sich, gut überlegt, bewähren können. So ist eine große Chance verpfuscht worden. Schade!

mwr

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung der PRO BAHN-Post (November 1999) entnommen.